17.02.2006

Warum steht Finnland in der PISA-Studie an der Spitze?

Wieso sind die schulischen Leistungsunterschiede von einem Land zum anderen, von einer Region zur anderen so erheblich? Warum steht Finnland nach der Auswertung der PISA-Studie an der Spitze, während andere erst im Mittelfeld oder auf den unteren Plätzen der Bewertungsskala auftauchen? Was kann die Deutschsprachige Gemeinschaft von den Finnen und von anderen lernen? Dies sind Fragen, die sich der Unterrichtsausschuss des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft zur Zeit stellt.

Deshalb lud der Unterrichtsausschuss Joseph Dries, den Kabinettschef von Unterrichtsminister Oliver Paasch, zu einer Anhörung ein. Er war, wie viele andere Unterrichtsexperten, einer Einladung der finnischen Schulbehörden gefolgt, die ihr Bildungssystem einem europäischen Fachpublikum vorgestellt hatten.

Die finnische „Success story“ des Unterrichtswesens kommt nicht von ungefähr, so ließ Joseph Dries im Unterrichtsausschuss durchblicken, sondern hat vielfältige Gründe, beispielsweise:

  • Es gründet auf einem Gesellschaftssystem, dass sich nach dem 2. Weltkrieg vorwiegend auf innenpolitische Themen – folglich auch auf das Bildungssystem - konzentriert hat.
  • Das Erziehungssystem setzt, wie in den nordischen Ländern allgemein üblich, konsequent auf das Wohlergehen der Menschen, auf Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit.
  • Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist eine Beziehung, in der die Schüler auf Augenhöhe mit den Lehrern diskutieren, d.h. die Schüler werden beiihren Belangen von den Lehrern ernst genommen.
  • Die Lehrerausbildung stellt höchste Ansprüche an die fachlichen und menschlichen Kompetenzen der Unterrichtenden.

„Finnlandisierung“

Finnland stand bis 1909 unter schwedischen und dann unter russischer Vorherrschaft, ehe es 1917 unabhängig wurde. Das dünn besiedelte und teils unwirtliche Land wurde 1939 von der Sowjetunion überfallen und schlug sich von 1941 bis 1944 auf die Seite von Nazi-Deutschland. Die unmittelbare Nachbarschaft zur UdSSR und der „Freundschafts- und Beistandspakt“ mit der Sowjetunion erlaubten ihm nach dem 2. Weltkrieg keine außenpolitischen Spielräume, sodass die Politik sich in erster Linie auf innerstaatliche Schwerpunkte wie das Unterrichtswesen konzentrierte. In früheren Jahrzehnten wurde die Hinwendung zu einer Neutralitätspolitik nach außen häufig als Finnlandisierung bezeichnet.

Wohlergehen als Priorität

Neben der politischen Sonderlage dürfte sich der sozio-kulturelle Hintergrund erheblich auf die Gestaltung des Schulwesens niedergeschlagen haben. Das Wohlergehen der Menschen und insbesondere der Schülerinnen und Schüler bildet, wie in allen nordischen Ländern, eine absolute Priorität bei der Gestaltung des Bildungswesens. Dies vor dem Hintergrund, dass gerade in diesen Ländern die (Jugend-)Selbstmordrate sehr hoch ist.

Die staatliche Fürsorglichkeit zeigt sich beispielsweise daran, dass alle Schüler verpflichtet sind, in ihrer Schule täglich eine warme Mahlzeit einzunehmen. Diese wird kostenlos angeboten und von Ernährungsberatern zusammengestellt.

Anspruchsvolles Lehramt

Der Lehrer selbst erfährt eine hohe Wertschätzung in der finnischen Gesellschaft. Ehe er zur Lehrerausbildung zugelassen wird, muss er sich einem strengen Auswahlverfahren stellen.

„ Bei der Lehrerausbildung spielen Praktika eine nachgeordnete Rolle. Die Lehramtsanwärter erhalten vor allem theoretisches Rüstzeug, um zur Selbstreflexion in der Lage zu sein.“, so erläuterte Joseph Dries. Der Lehrer steht nicht nur in der traditionellen Rolle des Unterrichtenden, er ist nicht der „Belehrende, sondern der Lernfachmann.“ Er muss im Umgang mit den Schülern ein guter Psychologe sein, und er muss Diagnosen stellen können, wenn die Dinge quer laufen. Jedem Schüler steht neben den Lehrern ein individuellen Lernbegleiter zur Seite, der die Entwicklung des Schülers verfolgt und auf Schwierigkeiten eingeht.

Beziehung zum Elternhaus

Großen Wert legen die Bildungsakteure auf die Verbindung zwischen Schule und dem Elternhaus. Es sind die Lehrer, die mehrmals pro Jahr die Familie des Schülers aufsuchen, um sich über dessen schulische Entwicklung und über die Ziele des Unterrichts zu unterhalten.

Kabinettschef Dries erläuterte ausführlich den Aufbau des finnischen Schulsystems, das viele Unterschiede zum belgischen aufweist. Er wies auf mehrere Besonderheiten der Schulstruktur hin.

Zum Beispiel wird verhältnismäßig mehr Geld für das Primarschul- als für das Sekundarschulwesen ausgegeben wird, unter anderem wegen größerer Sekundarklassen.

In den Gymnasialklassen (Oberstufe) werden gewisse Fächer häufig in Form von zusammenhängenden Modulen statt von einzelnen Unterrichtsstunden gelehrt, um die Nutzung der Unterrichtszeit zu optimieren. Und grundsätzlich werden für alle Lehrfächer Schulbücher zur Verfügung gestellt.

Fortsetzung der Beratungen

Der Unterrichtsausschuss will in den nächsten Wochen die Beratungen für eine Optimierung des Unterrichts fortsetzen und wird voraussichtlich im März einen flämischen Unterrichtsexperten zu Wort kommen lassen.