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Aus den Ausschüssen

Ostbelgier sind stolz, mehrsprachig zu sein

Anneleen Vanden Boer veröffentlichte 2011 an der Hogeschool-Universiteit Brussel ihre Doktorarbeit „Sprachkonflikte in Sprachkontaktgebieten: die öffentliche Meinung zu Aspekten der Position der deutschsprachigen Belgier im Belgischen föderalen System.“

Für ihre Arbeit hatte Frau Vanden Boer eine Umfrage in der ostbelgischen Bevölkerung durchgeführt. Die Umfrage enthielt Fragen zur Rolle der Deutschsprachigen in der belgischen Föderalstruktur und zum Gebrauch der deutschen Sprache in der Verwaltung.

„Das Parlament ist sehr interessiert an Ihrer Arbeit. Wir möchten den Kontakt mit der Bevölkerung verstärken, um die Wünsche unser Bürger im Hinblick auf die Umsetzung neuer Zuständigkeiten zu kennen. Es soll ein Dialog entstehen, etwa ein DG100 nach Vorbild des G1000 auf föderaler Ebene“, dankte Parlamentpräsident Ferdel Schröder der Referentin.

Positiv überrascht zeigte sich Frau Vanden Boer über den regen Zuspruch und die Reaktionen aus der Bevölkerung. Die Bürger der DG beantworteten nicht nur die Umfrage sondern übermittelten darüber hinaus in Briefen und Telefonaten ihre Standpunkte. So verfügte Frau Vanden Boer schlussendlich über etwa 1.000 Reaktionen aus der Bevölkerung.

Staatsreform


PDG-Präsident F. Schröder und
Dr. Anneleen Vanden Boer

Die Mehrheit der Bevölkerung stehe zu einer Erweiterung der Autonomie und unterstütze die Idee einer eigenen deutschsprachigen Region.
Die Erweiterung der Zuständigkeiten stünden auf einer breiten Basis, obwohl sich die Bürger beunruhigt zeigten, ob die Deutschsprachige Gemeinschaft diese Erweiterung organisatorisch und finanziell verkraften könne.

Bedauert werde oft, dass die Belgier nebeneinander und nicht miteinander lebten. Frustriert seien die deutschsprachigen Belgier vor allen Dingen von der Ignoranz, sie selbst betreffend. „Ständig werden wir vergessen“, moniere so mancher in seiner Reaktion. Und dabei gehe es nicht allein um die Mitbestimmung sondern vor allem für die jüngere Bevölkerung um die Sichtbarkeit der Deutschsprachigen im eigenen Land. Vanden Boer ermutigte die DG dazu, ihre Vertretung auf nationaler und regionaler Ebene unermüdlich einzufordern.

REK2025

Das regionale Entwicklungskonzept 2025 beschreibe die künftige Entwicklungsstrategie der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Für Frau Vanden Boer entspricht das Konzept den reellen Bedürfnissen und Wünschen der Bürger. Es gelte, die Bevölkerung von den Entwicklungsmöglichkeiten der eigenen Region zu überzeugen.

Die grenzüberschreitenden Beziehungen im Rahmen der Euregio Maas-Rhein und der Großregion würden wohlwollend aufgenommen. Sie gehörten zur Identität der deutschsprachigen Belgier. Daraus sei auch zu erklären, dass sich etwa 45% der Befragten im Falle einer Spaltung des Landes für die Zugehörigkeit zum Großherzogtum Luxemburg ausgesprochen hätten. Interregionale und grenzüberschreitende Politik sei identitätsstiftend.

Sprache und Identität

Mehrsprachigkeit werde im Allgemeinen als Trumpf gesehen. Die Ostbelgier seien stolz darauf, mehrere Sprachen zu sprechen und sähen dies auch als Teil ihrer Identität. Könne man die Mehrsprachigkeit zudem mit einer hochwertigen Wirtschaftsstrategie verbinden, wirke sich diese Kombination zugunsten der Region aus. Die Wissenschaftlerin riet der Deutschsprachigen Gemeinschaft deshalb auch, ihre Mehrsprachigkeit als Teil der Identität zu pflegen und als wirtschaftlichen Vorteil auszubauen.

Neue Modelle - DG100

„Neue Modelle für Demokratie, Föderalismus und Sprachpolitik sind gefordert“, sagte Anneleen Vanden Boer zum Abschluss ihrer Präsentation. Hier sei die öffentliche Meinung gefragt. Eine gute Kenntnis der öffentlichen Meinung fördere eine effiziente und effektive Politik.

Der G1000 versammelte im Herbst 2011 in Brüssel insgesamt 1.000 Bürger zu einem Dialog über die Zukunft Belgiens. Den Vorschlag des Parlamentspräsidenten, eine ähnliche Veranstaltung auch für die Deutschsprachige Gemeinschaft zu organisieren, könne sie nur begrüßen. Für ein solches Forum schlug die Referentin aus sprachwissenschaftlicher Sicht drei Themenblöcke vor:
- Minderheitenschutz und Autonomie
- Sprachplanung – Identitätsentwicklung und Mehrsprachigkeit
- Sprachprestige – Wirtschaftliche Entwicklung

In allen Themenbereichen schlug Anneleen Vanden Boer zudem Fragen vor und scheute sich dabei auch nicht, brisantere Themen anzustoßen, so etwa das Thema des Namens „Deutschsprachige Gemeinschaft“.

Dialog im Ausschuss

Das Interesse der Parlamentarier an der Auswertung der Umfrage war rege.

Was die Wissenschaftlerin im Kontext der Bürgerbeteiligung von Volksbefragungen halte oder wie sie den Charakter des Deutschsprachigen einschätze, wollten Mitglieder des Ausschusses wissen. Referenden stünde sie aufgeschlossen gegenüber, sie müssten nur korrekt organisiert sein, meinte Frau Vanden Boer. Der deutschsprachige Belgier sei im Charakter stolz auf seine Muttersprache, betone aber auch seine Mehrsprachigkeit.

Dass die Mehrsprachigkeit als alleiniges Kriterium für die Identität ausreiche, wollte die Wissenschaftlerin nicht bestätigen. Dennoch sei sie ein wichtiger Bestandteil. Die jüngere Generation gebe dabei eher an, bessere Sprachkenntnisse zu haben, als die ältere Generation. Auch definiere sich der deutschsprachige Belgier oft über das, was er nicht sei, nämlich Deutscher oder Wallone.

Auf die Frage, was die von ihr empfohlene gute Verwaltungsführung sei, antwortete Frau Vanden Boer, es handle sich vor allen Dingen um die ausreichende Information der Bevölkerung über politische Entscheidungen.

Die Anerkennung der Deutschsprachigen außerhalb der Gemeinschaft orientiere sich in Richtung der Sichtbarkeit, wiederholte die Wissenschaftlerin auf eine Frage. Ärgerlich sei, dass in Belgien oft nur von den beiden großen Sprachgemeinschaften die Rede sei.

Ausführliche Angaben zum Vortrag von Anneleen Vanden Boer finden Sie im Anhang an diesen Artikel.

 


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