Posthume Ehrung für den Autor Marcel Cremer
"Der unsichtbare Zuschauer"
Am 26. Februar 2010 erhielt der aus Crombach/St. Vith stammende Autor und Theaterregisseur Marcel Cremer posthum den Parlamentspreis 2009 im Bereich Literatur für sein Werk „Der unsichtbare Zuschauer“, das es im Jahr 2006 veröffentlicht hatte. Marcel Cremer verstarb am 20. Dezember 2009 im Alter von 54 Jahren nach einer schweren
 Marcel Cremer | Krankheit. Dass er den Preis erhalten würde, hatte er im November erfahren.
In der Enge des Plenarsaals, wo neben politischen Vertretern viele Familienmitglieder und einige enge Künstlerfreunde Platz genommen hatten, mag es den Gästen so vorgekommen sein, als sei Marcel Cremer selber dabei, nicht als unsichtbarer Zuschauer, sondern als stiller Teilnehmer im Hintergrund. Im Mittelpunkt stand natürlich sein Buch „Der unsichtbare Zuschauer“, das kein Theaterstück und kein Roman ist, sondern ein literarisches Mosaik aus etwa 150 Geschichten, scheinbar eher lose aneinandergereiht, Erzählungen aus dem Leben des Autors, der Region und des Agora-Theaters, sensibel geschrieben, aber auch oft hart und immer authentisch.
Dankende Worte
Einfühlsam erinnerte Parlamentspräsident Ferdel Schröder in seiner Eröffnungsansprache zur Preisverleihung an das Lebenswerk Marcel Cremers: 37 Theaterstücke für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, dazu Auftritte in mehr als 30 Ländern vor vielen Hunderttausend Zuschauern, außerdem die Verwirklichung seines Traums einer ständigen Heimat für „sein“ Agora-Theater im St. Vither Kulturzentrum Triangel. Und dann das Buch, das den Anlass zu der Feierstunde gab. „Marcel Cremers Werk bleibt weiterhin sichtbar,“ so Schröder mit dankbaren Worten. Durch sein Werk bleibe Cremer ein einzigartiger Botschafter für die Deutschsprachige Gemeinschaft.
Entwicklung zur Offenheit
Prof. Dr. Hubert Roland (Universität Louvain-La-Neuve) und Professor Dr. Louis Gerrekens (Universität Lüttich) hatten der Fachjury als Sachverständige für die Bewertung des Literaturwerks beigestanden. Als Laudator würdigte Professor Roland das ganzheitliche Theaterkonzept Marcel Cremers, dessen Qualität er mit Zitaten renommierter
 Die Sachverständigen: Prof. Dr. Gerrekens und Prof. Dr. Roland (r.) | Theaterfachleute belegte. „In Der unsichtbare Zuschauer entwickelt der Theaterpädagoge Cremer das Vorhaben, das Konzept seines Lebensprojekts des Agora-Theaters didaktisch zu erläutern“, so der Laudator.
Professor Roland machte den Theatermenschen und Autor Marcel Cremer mit einer wissenschaftlichen, werkimmanenten Analyse des preisgekrönten Buches intellektuell greifbar. Er hob hervor, wie die Bedeutung der Kriegs-Thematik, die in Cremers Familie ebenso wie in der gesamten Region Ostbelgiens anders wahrgenommen wird als in den anderen Regionen innerhalb und außerhalb Belgiens, sich ebenso in dem Werk Cremers niedergeschlagen hat wie die „Kombination von Tradition und Innovation“. Zwar verstecke Marcel Cremer nicht die traditionell katholische Prägung der Region und die verschiedenen Facetten vom alltäglichen Leben auf dem Land, doch allmählich habe sich für ihn „der Wille zur Offenheit zu anderen geographischen und intellektuellen Horizonten als die größte Notwendigkeit herausgestellt.“
„Das eigene Buch schreiben“
„Einige Gedanken im Sinne des Preisträgers“ formulierte Cremers Lebensgefährtin der letzten zehn Jahre, Viola Streicher. Ohne Pathos und Theatralik, dafür mit fester und fein modulierter Stimme zitierte sie bislang unbekannte Tagebuchnotizen des Preisträgers aus den letzten Wochen seines Lebens. Daraus ging hervor, wie Marcel Cremer sich
 Präsident Ferdel Schröder und Viola Streicner | über den Parlamentspreis gefreut hatte: „Heute ist ein guter Tag“, schrieb er an einem Novembertag, „Heute morgen teilte man mir mit, dass ich den DG-Literaturpreis erhalte für den Unsichtbaren Zuschauer. Und jetzt lese ich weiter in dem Buch Gesund werden, das Claudia Leffin mir geschenkt hat“.
Auf dem Festival in Avignon, sagt Cremer in seinem Tagebuch, habe jemand ihm das schönste Kompliment zu Der unsichtbare Zuschauer gemacht: „Das Buch macht Mut, die eigene Geschichte, Biographie zu reflektieren und aufzuschreiben. Das Buch ist eine Aufforderung an den Leser, SEIN Buch zu schreiben.“
Mit dem Zitieren von Gedanken und Notizen aus Marcel Cremers persönlichstem aller Bücher machte Viola Streicher ihn als Menschen und Theatermann unmittelbar gegenwärtig. Sie ließ die Zuhörer teilhaben an der Trauer um den verstorbenen Lebensgefährten, aber auch an Augenblicken der Freude in seinen letzten Lebenstagen. Ihre Ansprache geriet zudem zu einem rhetorischen Bravourstück, wie man es sich am Rednerpult im Plenarsaal am Eupener Kaperberg nur wünschen kann.
Musikalische Einlagen
Die Organisatoren der Preisverleihung hatten eine glückliche Hand, als sie den Eupener Paul Pankert an der Violine mit der musikalischen Gestaltung betrauten. Pankert bot Stücke von J.S. Bach sowie zeitgenössischen Kompositionen von Elena Firsova und György Kurtag dar. Musik, mal mit melodiösen, fast gefälligen Tonfolgen, und dann Klänge, die beim Publikum wie poetische Avantgarde ankamen – ein wenig eben wie Marcel Cremers Theater.
Das Buch "Der unsichtbare Zuschauer" kann bei der Agora-Theaterwerkstatt zum Preis von 19 Euro erworben werden.
Gerd Henkes
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